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Bauhaus

100 Jahre Revolution

 
Auch ein Jahrhundert nach seiner Gründung bleibt das Bauhaus relevant. Junge Designer praktizieren die Kunst des Weglassens, experimentieren mit Materialien und peppen Designklassiker auf. Historismus ist dabei nicht im Spiel: Zu beobachten ist ein individueller, leichtfüßiger Umgang mit dem höchst lebendigen Bauhaus-Erbe.
Autoren: Andreas Tölke / Dominik Betz

Die Idee einer Werkstatt, das komplementäre Zusammenspiel verschiedener Gewerke, war das revolutionäre Moment der Bauhäusler. Auch heute noch hat der Ansatz gegenseitigen Austauschs quer durch die Disziplinen visionäres Potenzial. In den Werkstätten des Bauhauses wurde viel gemeinsam experimentiert – meist so lange, bis ein Gegenstand perfekt erschien. Ein Ansatz, den etwa das Design-Label New Tendency aufgreift. Auch hier arbeitet man in der Bauhaus-Tradition: Die Berliner streben nach Reduktion, erproben Materialien und vernetzen sich mit Künstlern und Gestaltern aus verwandten Bereichen. Auch das französische Kreativstudio Pool schafft Objekte in der Bauhaus-Tradition, etwa die Tambour-Konsole. Sie verbindet die Ästhetik der damaligen Zeit mit der Materialität von heute: gehämmertes Kupfer und schwarz lackiertes Metall in einer Form, die 1920 nicht herstellbar gewesen wäre. Oder Rex Kralj: Der slowenische Designer Niko Kralj, geboren 1920, gründete 1952 hinter dem Eisernen Vorhang das Label Rex 120 und 1966 eine Hochschule für Design. Bauhaus im Osten. Sein Mosquito-Stuhl, 1953 entworfen, konnte erst 2012 realisiert werden.

Vor den 2000er-Jahren noch zu komplex in der Herstellung, ist der Stuhl das „iconic piece“ des Labels Rex Kralj. So weit ist Johanenlies noch nicht. In der Bauhaus-Linie steht die Marke trotzdem: Mike Raaijmakers und Coco Prange schaffen aus Altem Neues. Leichtfüßiges, aufs Minimum reduziertes Design, von alternativem Upcycling-Krempel Lichtjahre entfernt, aber ganz nah am Bauhaus.

 

Form features future: Das Bauhaus und seine Prinzipien sind populärer denn je, die Bauhaus-Erben des 21. Jahrhunderts genießen die grenzenlose Freiheit im kreativen Prozess samt fortgeschrittenen technischen Möglichkeiten und neuen Materialien. Pia Wüstenberg etwa ist eine der Vertreterinnen des zeitgenössischen Designs, die sich traut. Ihre Referenz: Natur. Ihr Postulat: Einzigartigkeit als Gegengewicht zu industrieller Massenproduktion. Strenge Bauhaus-Vertreter werden zu Recht zucken: Wollte das Bauhaus nicht Funktionales in Massenproduktion einer immer größer werdenden Menge potenzieller Konsumenten anbieten? Touché! Spannender, als sich an vermeintlichen Dogmen zu orientieren, ist es aber, das Bauhaus als Entwicklungsprozess zu begreifen und zeitgenössische Entwürfe im Spiegel aktueller Fragestellungen zu beobachten. Pia Wüstenberg reagiert. Nachhaltig, einzigartig, persönlich. Tanz die Vase. Glas mit Keramik mit Holz mit Metall – Form follows function heißt heute: Form features future – Form folgt nicht, Form nimmt Zukunft vorweg. Einiges von Pia Wüstenberg kommt unkompliziert daher, wirkt wie die Blaupause für ein Massenprodukt.

 

Bauhaus, neu interpretiert: Die Lizenzen für originale Bauhaus-Entwürfe sind weit verbreitet: Tecta, Knoll, Vitra, Thonet, Tecnolumen, ClassiCon, Cassina und Lampert teilen sich die Rechte an Originalem und Verwandtem aus der Zeit. Und sind so schlau, nicht nur Museales zu verkaufen. Sie statten die ursprünglichen Entwürfe mit neuen Bezugsmaterialien und Farben aus, graben in den Archiven bisher nicht Realisiertes aus und stellen neue, Bauhaus-inspirierte Designs zeitgenössischer Gestalter neben die Klassiker. Tecta ließ zum Jubiläum Ikonen wie den Wassily Chair von Marcel Breuer, Walter Gropius’ Sessel F51 oder Erich Brendels Teetisch K10 von aktuellen Designern auffrischen. Kerstin Bruchhäuser und die britische Stickkünstlerin Esther Wilson interpretieren Marcel Breuers Sessel D4 durch innovative Bezüge neu, Katrin Greiling leistete Gleiches für Walter Gropius’ Kubus-Sessel F51. Tectas Initiative „BauhausNowhaus“ zeigt, dass Konzepte, Ideen und Möbel der Bauhaus-Ära überhaupt nichts von ihrer Faszination und Alltagstauglichkeit eingebüßt haben. Neu und in einer auf 200 Exemplare limitierten Edition bei Tecta: die erstmals produzierte Tafellampe von Gerrit Thomas Rietveld von 1922. Thonet produziert den S 64 von Marcel Breuer in einer Atelierstuhl-Variante und eine Re-Edition der Beistelltischserie MR 515 nach einem Entwurf Ludwig Mies van der Rohes, interpretiert vom Design-Duo Marcel Besau und Eva Marguerre. ClassiCon präsentiert Eileen Grays puristisches Day Bed in neuer Metalloptik, und Cassina bezieht Rietvelds Utrecht-Sessel mit rotem Jubiläums-Samt. Die Flut der Neuschöpfungen und Re-Editionen zeigt: Bauhaus ist heute, zum runden Jubiläum, quicklebendig.