Personen
Design-Porträt Morris Adjmi

Der Mann vom Denkmalschutz

Zurückhaltung als Philosophie 
Morris Adjmi schafft es, das Alte zu respektieren und dabei wirklich Neues entstehen zu lassen
Der Architekt und Interior Designer Morris Adjmi erneuert New Yorks Skyline ganz sanft
Autor: Felix Zeltner

Vom Büro von Morris Adjmi aus hat man einen Rundumblick auf das alte Manhattan, den harten Fels, zugebaut mit den vertikalen Ikonen der New Yorker Architektur, die der 58-Jährige mit seinem Team stetig weiterentwickelt. Kaum ein Architekt in der Weltmetropole New York baut und designt so konsequent im lokalen Stil wie Adjmi. Er spielt mit Industrie und Neugotik, erneuert Häuser lieber, als sie zu zerstören, und achtet auf den Kontext der Neighborhood, der Nachbarschaft des Gebäudes. 

Industrielles innen wie außen
Inzwischen gibt es in der Stadt Dutzende Bauwerke, die der Minimalist erschaffen hat, innen wie außen: wie die alte Böttcherei in Brooklyns Hipster-Stadtteil Williamsburg, der er einen kühlen Stahl-Glas-Kubus aufsetzte. Im Inneren restaurierte er Ziegelwände und Holzböden und schuf so die Industrie-Ikone Whythe Hotel. Mit gigantischen neu­gotischen, terrakottaweißen Wohntürmen auf Manhattans 21st Street zitiert er den Einfluss von Chicagoer Architekten. Und das spektakulär elegante Scholastic Building in SoHo, Hauptquartier des gleichnamigen Verlags, spiegelt mit zwei ganz unterschiedlichen rot-weißen Fassaden die Wohn- und die Gewerbeseite der Gegend. Im Inneren lässt es die Grandezza der Jahrhundertwende aufleben. 

Das Scholastic entstand in Zusammenarbeit mit Adjmis Mentor, dem italienischen Pritzker-Preisträger Aldo Rossi, weltweit gefeiert für das Spiel mit geschwungenen Formen und dem Rhythmus von Licht und Schatten. 

„Ich mag Gebäude, die auf eine ruhige Weise auf sich aufmerksam machen“

Morris AdjmiArchitekt

Als junger Architekturstudent schreibt sich Adjmi Anfang der 80er-Jahre bei Aldo Rossis Seminar am Institute for Architecture and Urban Studies in New York ein. Anschließend zieht es Adjmi Richtung Europa. Als er Rossi mitteilt, ihn in Italien besuchen zu wollen, bittet der Meister seinen Schüler um Unterstützung: Ob er ihm bei einem Wettbewerb in Berlin helfen könne? Adjmi stürzt sich auf die Chance. Sein Entwurf gewinnt und sichert ihm eine Stelle in Rossis Team. Gemeinsam bauen sie die Apartments Kochstraße 1 bis 5, um die Ecke vom Checkpoint Charlie. 

Das Studio als Kollektiv
In den Jahren danach wird Morris Adjmi zum Fixstern des Mailänder Feingeistes – und darf schließlich das New Yorker Büro eröffnen. Dann der Schock: Aldo Rossi kommt 1997 bei einem Autounfall ums Leben. Nach 13 gemeinsamen Jahren wird Adjmi über Nacht zum Einzelkämpfer – mit vier laufenden Baustellen, darunter dem Scholastic Building. Doch er schafft es, die Arbeit des Meisters zu vollenden und daneben sein eigenes Büro aufzubauen, in dem die Philosophie Rossis weiterlebt.

„Ich glaube, dass wir als Architekten wieder lernen müssen, leisere Statements abzugeben“

Morris AdjmiArchitekt

Seine Firma begreife er als Studio, als Kollektiv von Architekten und Interior Designern. Adjmi arbeitet seit den 90ern mit dem Anspruch der sanften Erhaltung, den er aus Europa mitgebracht hat. Er trifft damit einen Nerv. Viele Kunden kommen zu ihm und wollen einfach nur Kopien seiner Werke. In gerade mal drei Jahren ist seine Firma von 45 auf 95 Angestellte gewachsen. Drei Viertel sind Architekten, ein Viertel Interior Designer. 

Die Schönheit der Industrie
Adjmis Wahrzeichen ist industrielles Design mit dem Schulterblick auf die Vergangenheit. Schuld daran seien nicht nur die Vergangenheit New Yorks, sondern auch die Fotografien eines deutschen Ehepaars: „Die Bechers!“ Bernd und Hilla Becher, die mit ihren Schwarzweiß-Aufnahmen von Fachwerkhäusern und Industriebauten berühmt wurden, hätten ihm gezeigt, dass Industrie „ehrlich, wunderschön und eigentlich perfekt“ sei. Genau wie die architektonischen Geschöpfe, die er als seine persönlichen New Yorker Lieblinge identifiziert hat: die Wassertürme, die bis heute den Wasserdruck in vielen Häusern regulieren. Er deutet aus dem Fenster auf das Dach gegenüber, wo eines der übergroßen hölzernen Fässer thront. „Ich brauche immer einen in Sichtweite. Das ist ehrliches Design, mit präziser Formel und gefälliger Ästhetik – und trotzdem so vielfältig.“ 

„Ich brauche immer einen Wasserturm in Sichtweite. Das ist ehrliches Design, mit präziser Formel und gefälliger Ästhetik“

Morris AdjmiArchitekt

Adjmi ist ein Mann für die tiefen, eleganten Töne im Stadtbild New Yorks. Sein erstes Hochhaus, das gerade in Midtown entsteht, ist mit den gigantisch hohen Spitzbögen eine Verbeugung vor dem Art déco. Außen Messing und Terrakotta, innen Stein, Eichenböden und Möbel aus Walnuss – die 2018er-Version des Chrysler Building. Adjmi respektiert Geschichte, ohne sie einfrieren zu wollen, und macht klar, wie modern und europäisch die Weltmetropole New York sein kann. Bevor er anfängt zu bauen, studiert er mit seinem Team historische Fotos, frühere Einreichungen von Architekten und die Analysen der Landmarks Preservation Commission, einer Art Denkmalschutzbehörde. Die Kommission untersucht die New Yorker Neighborhoods und hat viele Straßenblocks zu historischen Distrikten erklärt. Für Adjmi sind ihre Analysen die wichtigste Blaupause für sein Werk – Verantwortung und Inspiration zugleich.    

MORRIS ADJMI

wurde 1959 in New Orleans geboren und studierte an der dortigen Tulane University und am Institute for Architecture and Urban Studies in New York. Ab Mitte der 80er-Jahre arbeitete er intensiv mit dem italienischen Pritzker-Preisträger Aldo Rossi zusammen, mit dem er 1986 das Studio di Architettura in New York City eröffnete. Nach Rossis Unfalltod startete Adjmi 1997 sein eigenes Studio MA. Morris Adjmi ist auch Autor mehrerer Bücher über Aldo Rossi.

 

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