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Designer-Porträt Sebastian Herkner

Design kennt keine Grenzen

 
Modisches Design ist nicht Sebastian Herkners Sache. Er arbeitet zwar mit modernen Technologien, setzt aber vor allem auf traditionelles Handwerk – und sucht in der Ferne nach Inspiration
Autor: Dagmar Steffen

Design und Handwerkskunst sind für Sebastian Herkner kein Widerspruch. Für seinen erfolgreichen Erstling, den Bell Table, kombinierte er 2010 zwei Materialien, die ziemlich out waren: Messing und Glas. Und er setzte die Platte aus massivem Messing auf einen Fuß aus mundgeblasenem Glas, so dass sie beinahe zu schweben scheint. Der glockenförmige Tisch gewann den Red Dot Design Award. Herkner avancierte zum besten Newcomer. Ein Jahr später nahm ClassiCon seinen Tisch in die Kollektion auf. Inzwischen liest sich Herkners Kundenliste wie ein Who’s who der renommierten Markenhersteller: Dedon, Fürstenberg, Linteloo, Moroso, Pulpo, Schramm, Thonet, Wittmann oder Zanotta.

Manufaktur-Arbeit und Handwerk. Bei seinen Reisen geht es ihm um die Erkundung von Land und Leuten auf der Suche nach authentischen, traditionellen Handwerkstechniken und neuen Inspirationen. „Manufakturen und altbewährte Handwerkstechniken sind enorm wichtig. Sie schaffen die Basis zur Fertigung langlebiger Produkte. Mir geht es dabei um die Echtheit des Materials, haptische Qualität und vor allem auch um soziale und kulturelle Nachhaltigkeit“, erklärt Herkner.

Neues aus der Nähe sehen. Ob asiatische Flechtwerkstatt oder bayrische Glasbläserei, Besuche vor Ort beflügeln den Designer. „Es ist jedes Mal eine wahnsinnige Bereicherung, ins Ursprungsgebiet zu reisen, um die Handwerkerfamilien und ihre Arbeitsweise aus unmittelbarer Nähe kennenzulernen“, erklärt er. In Kolumbien hat er mit Inhaberin Ana María Calderón Kayser eine Design-Kollektion für Ames aufgebaut hat. Seine dritte Reise dorthin führte ihn voriges Jahr nach Santander in eine Teppichmanufaktur, um mit den Artesanos traditionelle „fique rugs“ neu zu interpretieren: Teppiche aus Fique, der Nationalfaser Kolumbiens, die früher zu Kaffeesäcken verwebt wurde.

Win-win-Situation. Die in Kolumbien allgegenwärtigen Hängematten finden sich in Herkners Sessel Maraca wieder. Und Möbel aus Kunststoffschnüren spiegeln die Farbenfreude der bunten Häuser in Cartagena. Sebastian Herkner ist überzeugt, dass von diesem „Design ohne Grenzen“ letztlich alle profitieren. „Bei einem Flechtprojekt lerne ich genauso viel wie bei der Entwicklung von Designermöbeln beispielsweise für Moroso. Das kommt allen zugute, auch den Manufakturen vor Ort.“

Design braucht Handwerk. Doch auch das perfekteste Handwerk bringt selten neues Design hervor. „In der Regel sind Handwerker auf ihr Metier, ihre Techniken und gewohnten Materialien konzentriert. Designer denken interdisziplinärer und stellen die Dinge schon mal auf den Kopf, um mit handwerklichem Know-how etwas Innovatives zu entwickeln“, meint Sebastian Herkner. Dabei kommen moderne Technologien ins Spiel. Die meisten Entwürfe in seinem Studio entstehen digital. So vereint der neue Stuhl 118 für Thonet beides: klassische Bugholzelemente, die wie vor 100 Jahren unter heißem Wasserdampf gebogen sind, mit Teilen, die die computergesteuerte CNC-Fräse in Form gebracht hat.

Anregungen im Banalen. Für seine Inspirationen muss Herkner übrigens nicht unbedingt reisen. Er findet sie auch in banalen Alltagsgegenständen, skurrilen Fundstücken, in der Kunst oder der Natur. Die Vielfalt seiner Entwürfe spricht für seine Flexibilität, ihre handwerkliche Perfektion für lange Lebensdauer, denn die Devise „Öfter mal was Neues“ ist heute völlig out.

„MIR GEHT ES UM DIE ECHTHEIT DES MATERIALS, HAPTISCHE QUALITÄT UND VOR ALLEM AUCH UM SOZIALE UND KULTURELLE NACHHALTIGKEIT“

Sebastian HerknerDesigner