Personen
Staunen in Tokio

Lost in Pink

Kawaii Monster Café Servieren im Manga-Outfit
Wer in Tokio auffallen will – und das wollen alle, um im Getöse der Megacity nicht völlig unterzugehen –, verbündet sich mit den weltbesten Designern und Architekten. Sie sorgen dafür, dass Geschäfte, Bars und Restaurants schon beim ersten Eindruck unvergesslich bleiben. Eine Tour d’Horizon durch die aufregendste Stadt der Welt.
Fotos und Text: Roland Hagenberg

In Tokio ist jede freie Nische eine Herausforderung für die Architektur. Denn um zu überleben, müssen Geschäfte, Firmensitze und Restaurants unvergesslich bleiben – schon beim ersten Eindruck. Sie locken mit Gediegenheit, Witz oder Erhabenheit, sie machen uns nostalgisch, neugierig oder sehnsüchtig. Und in allem haben sie die Geschichte ihrer Brand, ihrer Marke, verpackt und sich dabei mit den besten De­si­gnern und Architekten des Landes verschworen.

In Tokio ist jede freie Nische eine Herausforderung für die Architektur. Denn um zu überleben, müssen Geschäfte, Firmensitze und Restaurants unvergesslich bleiben – schon beim ersten Eindruck. Sie locken mit Gediegenheit, Witz oder Erhabenheit, sie machen uns nostalgisch, neugierig oder sehnsüchtig. Und in allem haben sie die Geschichte ihrer Brand, ihrer Marke, verpackt und sich dabei mit den besten De­si­gnern und Architekten des Landes verschworen.

Mitunter kommt es dann zu einer geballten Zusammenarbeit wie beim 21_21 Design Sight im Bezirk Midtown. Hier hat Modelegende Issey Miyake ein Museum errichten lassen – von niemand anderem als Tadao Andō. Der Flachbau des Meisters postminimalistischen Betons ist angelegt wie Miyakes Label Pleats Please: gefaltet und gepresst. Wechselausstellungen widmen sich dem Design des alltäglichen Gebrauchs und wie es uns in die Zukunft begleiten könnte.

 

Flut an Eindrücken

Das Suntory Museum of Art von Kengo Kuma im Midtown-Kaufhauskomplex stellt vor allem traditionelle japanische Kunst aus, pflegt auf diese Weise das Image des Sponsors. Drinnen im Teehaus ist jeder willkommen, Getränke und Kuchen sind gratis, man fühlt sich geborgen wie in einem Nest.

Bei moderner Architektur täuscht der erste Eindruck oft darüber hinweg, dass den Bauten das traditionelle japanische Bewusstsein zugrunde liegt. Etwa bei Ryue Nishizawas House and Garden, einem vier Meter breiten, vierstöckigen Wohngebäude aus Betonplatten, eingezwängt zwischen Bürotürmen. Die widerspenstige urbane Kreation des Pritzker-Preisträgers Nishizawa ist ein typisches Beispiel für Tokioter Design: Aus Platzmangel sind Treppenaufgänge oft außen an den Gebäuden montiert, führen von der Straße direkt zum Rooftop, ohne Tür und Gitter. So bieten sich immer wieder traumhafte Aussichtspunkte an, neben oder gegenüber von Sehenswürdigkeiten.

Showrooms als Arbeitsoasen

Keine andere Stadt hat ihre Cafés, Restaurants und Hotellobbys für Off-­Office-Arbeit so attraktiv gestaltet wie Tokio, mit Internet- und Stromanschluss, breiten Tischen und ohne Zeitlimit. Selbst Autohersteller sind dazu übergegangen, ihre Showrooms in Arbeitsinseln zu verwandeln. Bei Mercedes in Midtown etwa und bei BMW neben der Tokyo Station, wo die Coffee-Workspaces bis spätabends für jedermann zugänglich sind. Das Café Mid in Yoyogi Hachiman schließt erst nach Mitternacht. Bei gedimmtem Licht, cooler Musik und japanisch-westlicher Fusionküche lassen Workaholics am Laptop den Tag Revue passieren.

Nebenan zeigt Toshiki Yukawas ­Case Gallery modernes Textildesign. Auch dieser Bau ist ein gutes Beispiel dafür, wie auf winzigem Baugrund, in diesem Fall dreieckig, etwas Großartiges entstehen kann.

Gleich davor führt die Durchfahrtsstraße Yamatedori hinauf nach Shinjuku. Die drei Türme des Park Tower mit dem Hyatt-Hotel, wo einst Sofia Coppola „Lost in Translation“ drehte, weisen den Weg. Von der Lobby mit dem Bambuswäldchen im 43. Stock aus fällt der Blick auf die untergehende Sonne über dem Fujiyama und die Wolkenkratzer im Osten, die bei Erdbeben schwingen wie – ja, wie ein Bambuswald. Der romantischste Spot der Stadt oben im 43. Stock hat seine Anziehungskraft behalten, samt seinem „Lost in Translation“-Mythos. Hier sollte man am letzten Reisetag mit einem Cocktail „sayonara“ sagen.

Drängeln sich in Shibuya Japaner zwischen 20 und 30, die in Discos übernachten und sich die neueste Mode gönnen, so sind in Harajuku Teenager mit ihrem Taschengeld unterwegs – oft in Schuluniform oder im Outfit ihrer Anime-Helden. Beliebter Treffpunkt ist das Kawaii Monster Café, mit jungen Kellnerinnen, die der neues­ten Manga-Story entsprungen zu sein scheinen.

 

Shoppen, shoppen, shoppen

Auf der Omotesando, sie wird auch als Tokios Champs-Élysées bezeichnet, reihen sich die internationalen, von Stararchitekten gebauten Flag­ship-Stores: Dior (SANAA), Louis Vuitton (Jun Aoki), Benetton (Kishō Kurokawa), Omotesando Hills (Tadao Andō), Tod’s (Toyo Ito) und Prada (Herzog & de ­Meuron) – shoppen, shoppen, shoppen. Dabei ist schon manchem Designer oder Bauherrn – wohl unbewusst – ein symbolisch-sarkastisches Statement entglitten. Den Eingang zum Kaufhaus Tokyu Plaza Omotesando Harajuku hat Jungstar Hiroshi Nakamura wie einen riesigen Rachen aus Spiegeln gestaltet, der die Konsumenten verschlingt.

Und immer wieder eingestreut: kleine Läden wie Designbonbons. Im Maison Mihara sind es quer verlaufende Holzbohlen und schweres Leder, das an Spring­böcke und Gymnastikmatten erinnert. In einem Schaukasten wird die Nähe zur Marke demonstriert: Vor aller ­Augen wird gemessen, geschneidert und genäht. Modestar Yasuhiro Mi­hara ist vor allem bekannt für seine Sneakerdesigns für Puma.

Ganz anders die Räucherstäbchenboutique Lisn. Welches Material entspricht der Leichtigkeit eines Dufts, fragte sich Papierkünstlerin Eriko Horiki aus Kyoto. Natürlich Papier. Handgeschöpft. Und so sind bei Lisn die bestimmenden Designelemente hängende Papierleuchtwände. Auf Glastischen präsentieren sich Stäbchen in Hunderten Farbschattierungen. Liebevoll verpackt und federleicht sind sie ideale Mitbringsel.

„Ich bin Perfektionist, und da muss ich aufpassen, dass Schönheit nicht in der Perfektion erstickt“, sagt Shinichiro Ogata. Er designt fast alles: ­Möbel, Räume, Essen, Geschirr, Bücher, Stimmungen. Und er ist getrieben von der Obsession, im Auftrag japa­nischer Einzigartigkeit zu handeln – wie alle seine Kollegen im Kaiserreich. Der Perfektion im Beruf nicht gerecht zu werden, das wäre die schlimmste Schmach.

Und dennoch – das Unperfekte eines Materials kann sehr wohl Ausdruck absoluter Perfektion sein. So sind sie, die Japaner, in ihrer zweideutigen Offenheit. In Ogatas Restaurant Yakumo Saryo (ein Dinner für zwei kostet über 500 Euro) ist der Steinboden stellenweise abgetragen, manchem Europäer mag das schäbig vorkommen. Sprünge in einer Vase sind gekittet – allerdings mit Gold. Die hölzerne Ausstattung erinnert an eine Mönchsklause. Einzig erlaubte Opulenz: die sprießende Natur im Fenster. Ogata erklärt, dass bei ihm die Tischhöhe genau 65 Zentimeter betrage, das ist etwas niedriger als im Westen. Damit entsteht unter dem Ellbogen mehr Bewegungsspielraum beim Halten von Reisschale und Stäbchen. Wäre der Tisch höher, müsste man die Arme stärker heben, und das würde sie unnötig belasten, vom Eigentlichen ablenken: vom besinnlichen Betrachten der Speise, des Geschirrs, des Mobiliars – und natürlich vom Essen.

„Ich bin Perfektionist, und da muss ich aufpassen, dass Schönheit nicht in der Perfektion erstickt“

Shinichiro OgataDesigner

CI Magazin