Trendscout
New Design

Neues Design aus Oslo – naturnah und reduziert

Die Kreationen der experimentierfreudigen norwegischen Design-Szene sind farbiger und verspielter als die ihrer skandinavischen Kollegen.
Autor: Alva Gehrmann

„Unsere Vorfahren mussten die wenigen Dinge, die es gab, effizient nutzen und sie häufig wiederverwenden. Der Gedanke des Recycelns ist also seit Generationen in unserem Bewusstsein verankert“, sagt Benedicte Sunde von DogA, dem Norwegian Centre for Design and Architecture, das die Zusammenarbeit zwischen kreativen Talenten und Unternehmen fördert und dabei die Rolle von Design und Architektur stärken will. Im harten Klima an der stürmischen Küste und in den rauen Bergen kämpften die Norweger über Jahrtausende ums Überleben: „Wir waren eine arme Nation.“


Erfindungsreichtum und Zusammenarbeit

Die Not machte erfinderisch. So verwendeten norwegische Weberinnen zum Beispiel Karotten, um Wolle zu färben. „Das norwegische Design ist verspielter und teilweise bunter als sonst in Skandinavien“, sagt Sunde. Ebenso charakteristisch sei die Zusammenarbeit, die „dugnad“. Man kann das als ehrenamtliches Engagement oder Nachbarschaftshilfe übersetzen. „Dugnad“ gibt es überall: im Fußballverein, im Skiklub, man hilft Freunden auf Nachbarhöfen – und bei der Zusammenarbeit im Design.

Sofas in allen Farben

Das preisgekrönte Designduo Anderssen & Voll vereint all die von Sunde beschriebenen Eigenschaften. Bekannt geworden sind Torbjørn Anderssen und Espen Voll unter anderem durch ihre Sofas in leuchtenden Farben. Auch im Wohnzimmer der DogA-Expertin steht ein gelb leuchtendes Exemplar, das die Designer für den dänischen Hersteller Muuto entwarfen. Zur Kollektion zählen außerdem die Reihen Mono, Oslo und Outline.


Objekte erzählen Geschichten

Die minimalistischen, aber raffinierten Entwürfe der neuen norwegischen Designer-Generation ist inzwischen bei internationalen Herstellern wie Muuto, Hay, &Tradition, Gubi, Asplund oder FontanaArte heiß begehrt. Form und Funktion verschmelzen dabei zu attraktiven Objekten, die eines verbindet: Sie erzählen stets eine Geschichte. So ist es auch beim Designer-Duo Morten & Jonas. Morten Skjærpe Knarrum und Jonas Norheim entwerfen verspielte Leuchten mit phantasievollen Namen wie Bird, Me oder den Bake Me a Cake Table. Weitere Designs sind das Tagesbett Daybe für Northern, bei dem sich Funktionalität und Gemütlichkeit stilvoll mischen, sowie das filigrane und doch robuste Regal Wired.

Inspiriert von der Natur

Der junge Designer Lars Beller Fjetland kommt von der Westküste Norwegens. An den Küsten der vorgelagerten Inseln faszinierten ihn vom Meer angespültes Treibholz und Korkreste. Er gestaltete einen Holzstuhl, dessen Sitzfläche aus weichem Kork besteht, und schuf so eine funktional sowie visuell harmonische Einheit.


Liebe zu den Materialien

Die umgebende Natur war auch Inspiration für den etablierten Designer Andreas Engesvik, von dem zum Beispiel das Sofa Tiki (für Fogia) stammt. Als kleiner Junge liebte er es, in alten, verlassenen Gebäuden zu stöbern, Bronze- oder Kupferstücke zu suchen, die er zu Hause wusch und polierte. So begann seine Leidenschaft für Materialien. Derzeit entwirft er Stühle für das neue Nationalmuseum in Oslo und Möbel für das neue Munch-Museum, beide Häuser sollen 2020 eröffnen.

Designs fürs Leben

Die Besonderheiten des norwegischen Designs bündeln die Kreationen von Kristine Five Melvær (35). Ihre nachhaltigen Fußmatten (für Heymat) in Erdtönen etwa sind von Sand, Wasser und der Vegetation beeinflusst. Ansonsten mag die Designerin es aber bunt. So wie bei der orangeroten Bank aus der Pop-Reihe. „Wie viele meiner Arbeiten ist sie von der Natur inspiriert“, sagt Melvær. Der Rahmen und die Füße sollen an einen Ast, die Rückenlehne an ein durchlöchertes Blatt erinnern. Ginge es nach ihr, sollten die Designs ein Leben lang gefallen und an die nächste Generation weitergegeben werden: „So wie unsere Liebe zu der hier allgegenwärtigen Natur.“ Und so wie es ihre Vorfahren handhabten.