Trendscout
Microwohnen

Platz ist in der kleinsten Hütte

Dünne Wände, verschachtelte Räume, leichte Treppen – wer Platz sparen will, muss Genüg­samkeit zur Tugend machen
Es kommt nicht auf die Quadratmeter an, sondern darauf, was man daraus macht. Mit Ideen, ein paar von den Japanern abgeschauten Tricks und den richtigen Möbeln kann aus wenig Platz sehr viel Raum werden
Text: Peter Würth

Nicht nur in den maximal verdichteten Megacitys der Zukunft, in Metropolen wie Tokio, New York oder Shanghai ist Platz ein knappes Gut. Sondern auch in München, Hamburg und Berlin. Zentrales Wohnen ohne lange Wege und Pendlerstaus wird immer beliebter. Eine rasant wachsende Stadt­bevölkerung sorgt für explodierende Immobilienpreise und Mieten. Bereits drei Viertel aller Deutschen leben in Städten.

Wenn großzügige Angebote schlicht fehlen, muss der knappe Platz durch Kreativität ausgeglichen werden. Das gilt fürs Studenten-WG-Zimmer genauso wie für die Fünfzimmerwohnung einer vierköpfigen Familie. Was nützt die vom Arbeitgeber eingeräumte Option für den Homeoffice-Tag, wenn zu Hause einfach kein ruhiges Eckchen zum Arbeiten zu finden ist? Wie wirken sich neue Wohnformen wie Co-Living Spaces aufs Einrichten aus?

Kluge Raumkonzepte, intelligente, flexible Möbel, modulare Systeme und Smarthome-Technologien sind die Antworten. Mit ihnen begegnen Innenarchitekten, Raumplaner, Ingenieure und Möbelproduzenten dem Paradoxon von steigenden Ansprüchen und knappen Quadratmetern.

Wer wissen will, wie die Zukunft des urbanen Wohnens (auch) aussehen kann, sollte sich in Japan umsehen. In dem dicht bevölkerten Land weiß man seit Langem mit wenig Platz raumgreifend umzugehen. Tokioter haben für ihre Einfamilienhäuser oft nur 30 Quadratmeter Fläche zur Verfügung. „Es kommt nicht allein darauf an, wie weit Wände voneinander entfernt sind, um Weite zu vermitteln. Wichtiger ist es, ein ­Gefühl des Unbekannten, des Fremden zu provozieren“, meint der Architekt ­Makoto Tanijiri von Suppose Design. „Wenn dir solche Elemente zur Ver­fügung stehen, wirkt das Haus automatisch größer.“

Japaner wenden diesen Trick schon seit Jahrhunderten an und nennen ihn „engawa“. Es ist jener diffuse, multifunktionale Bereich zwischen drinnen und draußen, der als Verbindungselement zur Natur gilt. „Wenn du zum Beispiel den Garten in die Wohnung hineinziehen kannst“, sagt Tanijiri, „dann ist das engawa und wirkt wie ein Fremdkörper mit illusorischer Weitenwirkung.“ In seinem 2011 gebauten House in Seya wachsen Kieselsteine und Pflanzen in den überdachten Wohnbereich hinein.

Hinzu kommt Verschachtelung – ein weiterer Designkniff. So entsteht im Seya-Haus eine ausgeglichene Verwirrung aus unterschiedlichen Deckenebenen, Vorsprüngen und Fensteröffnungen. Niemand käme darauf, dass die Wohnfläche gerade einmal 48 Quadratmeter beträgt.

Multifunktionalität hilft dabei, wenig Platz optimal zu nutzen. Ein Schlafzimmer in Japan ist, nachdem morgens die Futons weggeräumt wurden, auch Arbeitsraum, Gästestube, Essbereich oder Kinderspielplatz.

Bei der Innengestaltung beispielsweise des Split-Machiya-Hauses der Stararchitekten Yoshiharu Tsukamoto und Momoyo Kaijima vom Atelier Bow-Wow dienen alle Elemente zur optischen Vergrößerung – vom bewusst niedrig gewählten Mobiliar bis zur Seitenwand der Treppe im hinteren Zwillingsbau. Sie ist mit Kupferplatten ausgelegt, reflektiert den Garten und sorgt für weiches Licht.

Um Kleinsträume optimal zu nut­zen und größer erscheinen zu ­lassen, genügt es oft, die Wände zu halbieren. Dann sind weiße Wände plötzlich nur noch hüfthoch, um Funk­tionsbereiche anzudeuten. Wo Boden, Wand und Decke in Material und ­Far­be scheinbar ineinander übergehen, ­entsteht ein Gefühl von Weite und Großzügigkeit.

Überhaupt ist es eines der großen Geheimnisse des „creative use of ­space“, Wohnbereiche mehr oder weniger ineinanderfließen zu lassen. Die einzelnen Wohnzonen werden allenfalls durch – bestenfalls veränderbare – Möbel definiert. So entstehen auf knappem Raum multifunktionale Wohn-Ess-­Arbeitszimmer. Schmale Flure werden etwa durch den Flatmate-Sekretär von Müller Möbelwerkstätten zum Home­office, Raumnischen wandeln sich wie bei Clei zu aufklappbaren Komfortschlafzimmern, Apothekerschränke nutzen schmalste Lücken und offene Regale werden zu Raumteilern.

Ausgeklügelte mechanisierte Möbel setzen auf die Hilfe kleiner Motoren und machen aus schwer erreichbaren Ecken sinnvoll nutzbaren Stauraum oder verändern gleich den kompletten Raum je nach Nutzung. Möbeltechnik als Innovationsmotor. Sogar eine ausziehbare Sauna wird angeboten.

Aber selbst wer Platz genug für ein eigenes Wohn-, Arbeits-, Schlafzimmer und eine Wohnküche hat, besinnt sich zusehends auf die Kunst der Reduktion, wie sie im pragmatisch-puristischen Skandinavien schon lange üblich ist. Cocktail- statt Loungesessel, intime Zweisitzer oder gar gepolsterte Sitzbänke wie Arteks Kiki-Sofa statt XXL-Couches verknüpfen die notwendige Beschränkung mit dem Ange­nehmen.

Der finnische Hersteller Artek hat auf dem Salone del Mobile in Mailand gerade daran erinnert, dass man bereits seit den 30er-Jahren clevere Lösungen für kleinere Räume anbietet: intelligente Designklassiker mit multiplen Funktionen wie das Wandregal Kaari mit integrierter Schreibplatte oder ­Alvar Aaltos Stool 60, der ebenso als Beistelltisch wie als Hocker dienen kann.

Im Moriyama House von Ryue Nishizawa in Tokio leben acht Menschen auf 130 Quadratmetern in zehn versetzten Kuben mit groß­zügigen Fenstern und freiem Blick zum Himmel. Noch einmal 130 Quadrat­meter Außenfläche machen aus dem Haus eine Art kleines Dorf im Wald, das deshalb weit mehr ist als eine raffinierte Ausnutzung des knappen Platzes: Es ist eine neue Art zu leben, eine ebenso kommunikative wie soziale Wohnform.

Zu den neuen, an Communitys ausgerichteten Wohnformen gehört das Studentenwohnprojekt Cubity in Frankfurt. Private Kammern zum Schlafen und Arbeiten gruppieren sich um großzügige Gemeinschaftsräume – alles in einem großen Kubus mit milchiger, abends leuchtender Kunststofffassade. Die Keimzelle einer neuen Zeit.

Was bei den Frankfurter Studenten teils aus schlichter Notwendigkeit entstand, ist für internationale Krea­tive ein besonderer Kick. Viele von ihnen  wollen nicht mehr alleine leben und nutzen zu Preisen von rund 2000 Dollar im Monat luxuriöse Co-Living-­Angebote von Unternehmen wie Krash, WeLive, Pure House oder Roam. So verbinden sie individuelles Wohnen mit Gemeinschafts­leben in üppigen Lounges, Wohnküchen und Sharings-Spas.

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