Trendscout
Neues Arbeiten in Tel Aviv

Silicon Valley am Mittelmeer

Highlight
Das Azrieli-Sarona-Gebäude hat 61 Etagen. Auf der 28. betreibt Amazon einen Co-Working Space
In Tel Aviv werden mehr innovative Unternehmen gegründet als an der amerikanischen Westküste. Die jungen Kreativen locken Traumwetter, eine hippe Szene, staatliche Förderung und Auftraggeber. Ihre Arbeitsplätze sind so ungewöhnlich wie ihre Ideen.
Autor: Mareike Enghusen

Israels junge Hightech-Firmen geben global den Takt vor. Kein Problem scheint israelischen Gründern zu dramatisch oder zu banal: Sie entwickeln Technologien, um Menschen vor Krebs und Staaten vor Cyber-Terror zu schützen; sie programmieren Apps, die den günstigsten Flug oder das aussichtsreichste Date finden. Ein Entwicklerteam arbeitet derzeit an einer Greifzange mit dem treffenden Namen AshPoopie, die Tierkot in Asche verwandeln soll.

Die unkonventionellen Ideen der jungen Gründer und Gründerinnen entstehen häufig an ähnlich ungewöhnlichen Arbeitsplätzen: Die Entrepreneure mieten sich in Co-Working-Spaces ein, in denen es kaum feste Arbeitsplätze gibt, dafür kommunikative Lounges und offene Küchen, die zum Netzwerken einladen.WeWork, einer der weltweit größten Anbieter dieser Art, ist in Tel Aviv mit sechs Standorten vertreten. Die lokale Konkurrenz heißt Mindspace, Urban Place, Sosa oder Ayeka. Die Co-Working Spaces offerieren neben Schreibtischen, schnellem Internet und frischem Design vielgefragte Extras: Ayeka hat einen Pool, Sosa lädt Experten zu Vorträgen ein, WeWork bietet Yoga und chinesische Massagen. Dinge, die die Kreativität und Kooperation anregen sollen.

„Wir wollen Leute miteinander verbinden.“

Barak Magen(Community-Manager)

Wer Glück hat, findet Aufnahme in eines der unzähligen Förderprogramme, die ausgewählten Start-ups kostenlose Arbeitsräume und Dienstleistungen bieten. Ein spezielles Modell dieser Art lässt sich am Tel Aviver Amazon-Standort besichtigen, dem Azrieli-Sarona-Gebäude, höchster Büroturm des Landes.

Förderung für Gründerinnen

Im 28. Stock unterhält Amazon einen Co-Working Space mit spektakulärem Blick auf die Stadt. Das Unternehmen überlässt die Räume der Nichtregierungsorganisation WMN, die weibliche Hightech-Entrepreneure fördert: Start-ups können sich um Aufnahme bewerben, wenn ihr Gründungsteam mindestens eine Frau hat.

„Nur fünf bis sieben Prozent aller hiesigen Start-ups leiten Frauen“, sagt Adi Zamir, die Co-Gründerin. WMN soll den „physischen Raum“ für ein Ökosystem schaffen, in dem Frauen sich austauschen und weiterentwickeln können.

Viele israelische Start-ups legen soziale Räume an, in denen Mitarbeiter ungezwungen Ideen austauschen können. Zum Beispiel SundaySky: Das 2006 gegründete Unternehmen entwickelt personalisierte Info- und Werbevideos. Sein 170-köpfiges Team umfasst Software-Entwickler, Texter und Grafiker. Das Büro empfängt mit freundlichen Farben und warmen Holztönen. Neben der offenen Küche können Mitarbeiter sich auf einem gestuften Sitzbereich aus Holz und bunten Kissen entspannen. Die Büros sind offen oder durch Glas abgetrennt. Sofas und Sessel schaffen Wohnzimmer-Atmosphäre. Die Idee: Wer sich im Büro wie zu Hause fühlt, entspannt sich – und entfaltet so sein ganzes Potenzial.

Verkehrsschilder im Büro

Auch das Start-up Nexar bietet kreativen Raum für kreative Köpfe. Die Firma verwandelt Smartphones in sogenannte Dashcams, die während der Autofahrt den Verkehr filmen und die Daten an eine Cloud senden. Verkehrsströme, Ampeln, Unfälle, Staus – alles wird zentral aufgezeichnet und der Autofahrer, wenn nötig, gewarnt. Das Büro im 22. Stock eines Büroturms greift das Motiv Verkehr auf: Straßenschilder im Flur zeigen die Richtung von Abteilungen an. Die Bodenfliesen sind einer Fußgängerzone nachempfunden, die Wände mit Zebrastreifen bemalt. Geht es nach Eran Shir, dem 43-jährigen Co-Gründer, werden sich alle Autofahrer bald von Nexar leiten lassen. „Wir wollen tödliche Unfälle komplett abschaffen“, sagt er ruhig.

Auch das steht hinter dem israelischen Hightech-Erfolg: grenzenlose Zuversicht und Ambitionen, die weiter reichen als jeder Blick aus futuristischen Bürotürmen.