Leben
Bohemian Style

Vive la Bohème!

 
Der Bohemian Style erobert Häuser und Wohnungen. Der farbenfrohe Mix aus Stilen, Mustern und Materialien steht für die Unabhängigkeit kreativer Freigeister auf der Suche nach neuen, ganzheitlichen Lebens- und Arbeitsmodellen.
Autor: Peter Würth

Der Bohemian Lifestyle entstand im frühen 19. Jahrhundert in Paris. Damals war die französische Metropole Anziehungspunkt für Kreative aus aller Welt auf der Suche nach Alternativen zum bürgerlichen Leben und zu den klassischen Vorstellungen von Schönheit und Ästhetik. Sie ließen sich von den aus Böhmen stammenden Roma inspirieren, die in ihren bunten Wagen durchs Land zogen und Freiheit und Unabhängigkeit verkörperten – daher der Ursprung des Wortes Bohème.

Grenzen aufheben. Diese Suche nach einem selbstbestimmten Lebensstil fasziniert Menschen bis heute – auch die neuen Bohemiens wollen Zwänge beseitigen und die Grenzen zwischen Arbeit und Leben aufheben. Das spiegelt sich in ihren Lebensräumen wider. Sie sind gleichzeitig Büro und Galerie, Showroom, Atelier und Musikstudio. Die Möglichkeiten sind unbegrenzt. Das digitale Zeitalter tut das Seine dazu. Wir können per Wi-Fi überall arbeiten, kommunizieren oder einkaufen. Das schafft Raum für die eigene Kreativität. Neue Berufsbilder ermöglichen den New Bohemians einen frischen, freien Lebensstil. Blogger und Berater, Programmierer und Boutique-Besitzer, Mietköche und Urban Farmers, Kuratoren und Designer eint eine große Unabhängigkeit.

Die Fremde erlebt. Die neuen Bohemiens sind weit gereist, haben viele Kulturen nicht nur gesehen, sondern wirklich erlebt und bringen neben Souvenirs auch fremde Ästhetiken, Farben und Muster mit nach Hause. Das Ergebnis sind Vielschichtigkeit, Offenheit und die Bereitschaft, alles miteinander zu verbinden.

Flirt mit der Moderne. Beim Einrichten mixen die neuen Bohemiens die klaren Linien und die Funktionalität klassischen modernen Designs mit dem dekorativen Überschwang der Boheme. Herman Miller steht neben Handgetöpfertem, USM neben Ethno-Möbeln. Der unkonventionelle, temperamentvolle Lebensstil der Bohème stößt auf die Eleganz des Konventionellen und des Traditionellen. Bohemiens kennen den Wert von Qualität, exzellenten Materialien und perfekter Handwerkskunst.

Der Boho-Chic hat viele Ingredienzien. Da ist zunächst Farbe. Viele Farben. Kräftige Farben. Gleichzeitig und nebeneinander. Dann sind da die Muster. Viele sind ethnischen Ursprungs, kommen aus Afrika, Südamerika, Indien, dem Orient. Klar und direkt, stark grafisch geprägt und durch Blumiges ergänzt. Als ideale „Transportmittel“ für Farben und Muster dienen Textilien. Weich, sinnlich, fließend, strukturiert, hochwertig gewebt. Dabei gilt: Mehr ist mehr! Es kann (fast) nicht genug Kissen in allen Farben geben, gemusterte Decken setzen Kontraste, Teppiche sind ein Muss. Unkonventionelle, wilde Stilbrüche sind nicht nur erlaubt, sondern geradezu Pflicht.

Vintage neben Aktuellem. Bei den Möbeln stehen Vintage-Einzelstücke, gerne aus den Fünfzigern und Sechzigern, aber auch Klassiker des Bauhauses oder der Nachkriegsmoderne neben Möbel aus den aktuellen Produktionen. Die orientieren sich immer öfter am Bohemian Style. Vitra widmete beim Salone del Mobile in Mailand im April eine ganze Szenerie dem Typus des Bohemiens – und adelte damit die Idee zum Trend. Hella Jongerius hat für Vitra nicht nur das Vlinder Sofa, sondern auch passende Poufs entworfen – farbige, verzierte Sitzkissen, wie man sie ursprünglich aus dem Orient kennt.

„ICH WILL DINGE SCHAFFEN, DIE MEINE LIEBE, MEINEN RESPEKT, MEIN INTERESSE AN DER WELT ZEIGEN.“

MARCEL WANDERSDesigner

Wunsch nach Individualität. Eines der entscheidenden Kennzeichen des Bohemian Style ist Individualität. Jeder ist ein Künstler, jeder kreativ. Kein Wohnzimmer gleicht dem anderen. Jeder richtet sich nach seinem Gusto, nach den eigenen Bedürfnissen und den persönlichen Erfahrungen. Erstaunlich viele Hersteller wagen sich in die Bohemien-Ecke vor. Moroso, Gubi, Maxalto, Wittmann – alle experimentieren mit Farben, Mustern, Materialien und lösen sich immer mehr von stilistischer Strenge und formaler Enge.