Zugegeben, dieses wabernde Objekt, das zwischen einer gigantischen Konstruktion aus USM Haller Elementen hängt, sich durchschlängelt, herausquillt, ist verdammt instagrammable. Wer sich der multisensorischen Installation „Renaissance of the Real“ aber
wirklich nähern möchte, lässt das Handy am besten in der Tasche. So wünscht es sich die Schweizer Künstlerin Annabelle Schneider, die für das temporäre Werk zur Milan Design Week mit dem norwegischen Architekturbüro Snøhetta und – naheliegend – der Möbelmarke USM zusammengearbeitet hat. Ursprünglich, erzählt sie beim Ortstermin im sonnigen Hinterhof der Fondazione Luigi Rovati, war die Idee, dass die Norweger sich um die Metallelemente kümmern – und sie das softe Fallschirmseideobjekt konzipiert. „Aber am Ende war es voll der Dialog.“

In den Dialog treten – mit sich selbst und ihrer Umwelt: Das sollen auch die Besucher und Besucherinnen in Mailand. „Immerhin erleben wir aktuell ein schmerzhaftes Paradox: Obwohl wir digital so vernetzt sind wie nie zuvor, fühlen sich viele völlig unverbunden.“ Um in einer beschleunigten Welt wieder ins Fühlen zu finden, brauche es eine bewusste Entschleunigung, so Schneider. Wie auch bei anderen Installationen – etwa „Breath With Me“ auf dem Luzerner Hausberg Pilatus – sollen Besucher und Besucherinnen auf ihren Atem zurückgeworfen werden. „Inflatable Spaces gibt es schon lange. Dieser hier ist jedoch der erste, der mit einem offenen Eingang
arbeitet und die Menschen dazu einlädt, hinein- und darunterzugehen. So können die atmenden Wände aus unterschiedlichen Perspektiven und in ihrer vielfältigen Wirkung erlebt werden. Mir war wichtig, dass dasObjekt selbst zu einem atmenden Organismus wird und wir uns für einen Moment von ihm leiten lassen. Der Rhythmus, mit dem die Luft in den Raum gepumpt wird, wirkt wie ein Kompass, der beruhigt und Orientierung gibt, unser Nervensystem beruhigt und entschleunigt“, erklärt Wahl-New-Yorkerin Schneider.
Manchmal kommen ihr die englischen Begriffe leichter über die Lippen als das Hochdeutsche. „Sounds, Motion im Raum und Duft unterstützen die Erfahrung.“ Gerne lädt sie Musiker, Fascia-Therapeuten oder Märchenerzähler in ihre Räume ein. Das hat den schönen Nebeneffekt, dass die Menschen sich durch dieses kuratierte Programm anders im Raum bewegen. Langsamer, bewusster. Oder dass sie liegend eine andere Perspektive auf die textile Struktur gewinnen. Es fällt ihr offenbar leicht, auf andere zuzugehen, egal ob es lokale Künstler sind oder international gefeierte Architekten. „Die Idee eines atmenden, weichen Raums in Verbindung mit modularen
Strukturen begleitet meine Arbeit bereits seit 2024. Mit USM und Snøhetta trafen für dieses Projekt drei Partner zusammen, die sich ideal ergänzten: USM als Meister modularer Systeme, Snøhetta mit seiner Expertise in Architektur und Landschaftsgestaltung und ich mit meiner künstlerischen Erfahrung.“ Es habe sie gereizt, wie in „Renaissance of the Real“ die Schwere und Modularität der zeitlosen
Metallmöbel und die Leichtigkeit von gerade einmal 50 Kilogramm Fallschirmseide zusammenfinden. Vor allem sei es aber darum gegangen, einen Raum zu schaffen, „wo man sich wohlfühlt, wo man sich safe fühlt. Wo man im Jetzt ist.“