Expertentipps
Mit dem Furniture Footprint macht Zeitraum Nachhaltigkeit zu einer messbaren Größe
Nachhaltigkeit

Möbel mit Fußabdruck

 
Mit dem Furniture Footprint macht Zeitraum Nachhaltigkeit zu einer messbaren Größe
Autorin: Catherine Hug

Warum wurde der Furniture Footprint entwickelt und auf welcher Basis entstehen die Daten?

Birgit Gämmerler:

Die Nachfrage nach konkreten Zahlen, von messbaren Größen, kam aus dem Objektbereich. Aber auch bei den Privatkunden wurde der Wunsch nach mehr Transparenz lauter. Weil es im Möbelbereich bisher nichts gab, haben wir uns am Bauwesen und der Architektur orientiert. Dort sind die LCA-Daten der Ökobaudat* eine bekannte Größe, um Umwelteinwirkungen von Materialien anzugeben, also Herstellung und Transport der Materialien bis hin zur Entsorgung. Wir arbeiten da bei dem prozentualen Gewichtsanteil der Einzelmaterialien gemäß Ökobaudat. Das ist sinnvoll, weil über 90% der Umweltwirkung eines Produkts durch das Material selbst bestimmt wird.

Peter Gaebelein:

Was diese Daten aber nicht berücksichtigen, sind Faktoren wie Regionalität, Reparaturfähigkeit, zeitlose Gestaltung, aber auch ein ressourcenschonender Umgang mit der Natur oder die Herstellung unter fairen und sozial verträglichen Bedingungen. Diese drei Säulen der Nachhaltigkeit, die ökonomische, ökologische und soziale, werden erstaunlicherweise von keinem einzigen Zertifikat abgedeckt. Deshalb haben wir ein eigenes Bewertungsprinzip entwickelt, das beides abdeckt: die LCA-Daten und die drei Säulen der Nachhaltigkeit. Weil wir mit Furniture Footprint Pionierarbeit leisten, haben wir ihn als eigene Marke eintragen lassen.
Wir bewerten damit jedes einzelne Produkt neben LCA zusätzlich auf Basis unserer eigenen, selbst festgelegten Kriterien, die umfangreicher sind als jedes Zertifikat.

Die Ökobaudat ist ein Informationsportal für nachhaltiges Bauen des Bundesministeriums des Innern, für Bau und Heimat (BMI) und stellt eine vereinheitlichte Datenbasis für Ökobilanzierungen nach DIN 15804 zur Verfügung. Diese Daten unterliegen strengen Qualitätsmerkmalen und bilden die unabhängigen Fakten unseres Bewertungssystems. Die LCA-Daten geben genaue Auskunft über die Rohstoffgewinnung, Umweltwirkungen von Materialien, Transportwege und Prozesse in jeder Produktlebensphase bis hin zur Entsorgung.

Gab es vorher schon Bemühungen, Nachhaltigkeit zu einer messbaren Größe zu machen? Wenn ja, nach welchen Kriterien?

Birgit Gämmerler:

Klar gab es die, aber solche Zertifizierungen sind extrem aufwändig und kostspielig. Das fängt im Möbelbereich gerade erst an. So wie wir aufgestellt sind, fungieren wir wie ein Designverlag. Wir haben ein sehr komplexes Sortimentsprogramm und unsere Produktionspartner sind Betriebe, mit denen wir langfristige Kooperationen haben. Da zählt das Handschlag-Prinzip.

Peter Gaebelein:

Dazu kommt die Problematik, dass im Vertrieb die unterschiedlichsten Zertifikate verlangt werden, vor allem im Objektbereich. Aber keines der Zertifikate deckt sich mit unserem Anspruch. Deshalb die Ergänzung der international anerkannten vergleichbaren LCA-Daten mit eigenen Standards in Form des Furniture Footprint.

Wo finde ich diese Informationen?

Birgit Gämmerler:

Die Bewertungen für alle unsere Produkte haben wir natürlich bereits erstellt und jetzt sind wir gerade dabei, sie auf den Produktseiten unserer Webseite einzupflegen. Auf der neuen Seite wird der Kunde dann für jedes einzelne Produkt den individuellen Furniture Footprint finden, basierend auf den LCA-Daten und den drei Säulen der Nachhaltigkeit.

In wie weit wirken Sie auf Ihre Lieferanten ein, Maßnahmen im Sinne der Nachhaltigkeit zu ergreifen?

Birgit Gämmerler:

Wir sind da in einem ständigem Austausch mit unseren Lieferanten, die zum Beispiel alle ausschließlich mit ihrem Abfallholz heizen. Der Holzeinkauf von Eiche und Esche erfolgt nur regional, und unser Formholzlieferant sitzt praktisch direkt in einem riesigen Buchenwald.

Peter Gaebelein:

Unser Hauptlieferant erzeugt mit seiner Photovoltaik-Anlage mehr Strom als er verbraucht und hat erst kürzlich in eine Verpackungsmaschine investiert. Die faltet die Pappe erst vor Ort in der exakt benötigten Größe, so dass nicht sinnlos zu viel Kartons durch die Gegend gefahren werden. Das sind natürlich alles kleine Schritte, aber man könnte diese Liste endlos weiterführen.

Was ist die aktuell größte Baustelle in Sachen Nachhaltigkeit?

Birgit Gämmerler:

Das sind die Polstermaterialien, das ist ein wirkliches Problem, denn es gibt nur sehr wenig Alternativen. Natürlich gibt es Naturlatex, aber der ist einerseits sehr teuer, andererseits brauchen wir natürlich auch Vliese, für die wir noch keine nachhaltigen Alternativen gefunden haben.
Auch von Daunen wollen wir zunehmend weg, bzw. nur die verwenden, für die wir Zertifizierungen zum Ausschluss von Lebensdrupf bekommen. Ersetzt haben wir sie teilweise durch Polyestersticks, die eine bessere Ökobilanz haben, weil es Recyclingmaterial ist. Und natürlich arbeiten wir an unseren Verpackungsmaterialien.

Peter Gaebelein:

Wirklich problematisch ist bisher nur ein Produkt, ein Regal aus MDF. Ein Material, auf das wir lieber komplett verzichten würden. Wir haben auch schon eine mögliche Alternative gefunden, eine Werkstoffplatte, die aus Textilresten gepresst wird, die allerdings momentan preislich noch sehr hoch liegt. Das ist ein häufiges Problem, gerade für Produkte, bei denen es diese ganzen Zwischenstufen im Vertrieb gibt. Da die ökologischen Alternativen oft sehr teuer sind, ist das Produkt am Ende dann manchmal nicht mehr marktfähig. Aber es tut sich sehr viel in dem Markt und wir behalten das im Auge.

Welche weiteren Maßnahmen sind in naher Zukunft geplant?

Birgit Gämmerler:

Die LCA-Zertifizierung ist noch nicht abgeschlossen und die Suche nach alternativen Polstermaterialien geht weiter. Insgesamt arbeiten wir viel im Kleinen, suchen ständig nach Detailverbesserungen. Zum Beispiel sind Verpackungsschnüre aktuell ein Thema oder die Aufkleber für den Versand. Auch für die Verpackungshussen möchten wir zukünftig Recyclingkunststoff verwenden. Man kann zusammenfassend sagen, wenn man sich diesem Thema annimmt, ist es wahnsinnig viel Fleissarbeit und so umfassend, dass sich bei uns seit 1,5 Jahren ein Mitarbeiter ausschließlich mit der Optimierung befasst. Und das, obwohl bei uns schon vieles da war, was nur dokumentiert werden musste.

Erprobtes Wissen und Leidenschaft

Unsere Experten

„Die Idee, Design und Ökologie zu verbinden, verfolgen wir seit unserer Gründung im Jahr 1990.“
Birgit Gämmerler und Peter Gaebelein
Geschäftsführer Zeitraum