Aufbruch
Gedankenexperimente

Was wäre, wenn ...

Copyright Illustrationen: Laura Böddener
Oft beginnt Veränderung mit diesen drei Worten. Die Pioniere in den folgenden Beispielen haben den Mut zu träumen. Und den Pioniergeist, einfach loszugehen. Inspiration für die eigenen Gedankenexperimente
CI Redaktion

UrbView


Das Hamburger Startup UrbView macht urbane Sicherheit sichtbar und liefert per KI konkret umsetzbare Handlungsempfehlungen für die Gestaltung inklusiver und sicherer Räume.

urbview.com

Düstere Unterführungen, einsame Straßen, steile Treppen – es hat Gründe, wenn Menschen sich im öffentlichen Raum unwohl fühlen. Aber wie misst man, ob ein Ort sicher oder gefährlich ist? Bislang gab es – abseits von Unfall- oder Kriminalitätsstatistiken – keine zuverlässigen Bewertungskriterien dafür. Und wenn ein Ort da auffällig wird, ist es eigentlich schon zu spät. Das Hamburger Startup UrbView hat ein Tool entwickelt, das unterschiedliche Ebenen, wie etwa Beleuchtung, Einsichtigkeit, Barrierefreiheit prüft und die jeweilige Sicherheitsstufe in einem Gesamt-Score sichtbar macht. Mit KI können die jungen Gründer um Elnaz Nouri bereits im Planungsprozess ermitteln, wo potenzielle Angst- und Gefahrenräume übersehen wurden. 

Allerdings ist es nicht immer einfach, die Verantwortlichen zu erreichen, gibt Sales-Chefin Netta Emanuel zu: „Die Politik spricht viel über Sicherheit, macht aber selten verbindliche Vorgaben dafür. Ohne Vorgaben wird Sicherheit in der Bauplanung schlicht nicht eingeplant und fällt hinten runter. Fakt ist: Einen Ort nachträglich sicherer zu machen, kostet ein Vielfaches von dem, was es kostet, ihn von Anfang an so zu gestalten, dass sich Mann und Frau, Alt und Jung dort sicher fühlen und es auch sind.“ Mangel an Kunden hat UrbView dennoch nicht. Erste deutsche Kommunen kommen jetzt ins Rollen: In Salach startete gerade ein gemeinsames Projekt von UrbView, der NVBW und der Deutschen Bahn. Verkehrsbetriebe wie die VBK in Karlsruhe und MOIA in Berlin setzen die Technologie bereits ein, dazu laufen Gespräche mit Polizeibehörden. Und das Interesse wächst über Deutschland hinaus: Aktuell spricht das Team mit potenziellen Partnern in Frankreich und Großbritannien.

Netta Emanuel wünscht sich aber auch etwas anderes: „Eine breite öffentliche Debatte. Sicherheit darf kein Zufall sein, sie muss geplant werden. Und die Menschen, die in unseren Städten leben, dürfen genau das einfordern.“

„Solange die Politik zwar überall über Sicherheit redet, aber keinerlei Auflagen dazu entwickelt, fällt das Thema in Bauprozessen oft hinten über“ (Netta Emanuel, Sales Chefin UrbView)

TOMAS


Die Architektinnen Sofia Ceylan, Katharina Neubauer und Annabelle von Reutern konzentrieren sich als TOMAS vor allem auf die Arbeit im Bestand. Ihr Büro in Berlin öffnen sie als Event-Space für feministische Initiativen.

materialandspace.de

Visionäre Architektur: Dabei denkt man an Großprojekte, an eindrucksvolle Gebäude aus einem Guss, die entschieden Raum einnehmen. Aber passen solche Visionen eigentlich noch in unsere Gegenwart, in der Städte zugebaut und versiegelt sind? In der wir mit Ressourcenknappheit und Klimaerwärmung zu kämpfen haben? Ist noch mehr zu bauen wirklich die Lösung? Diese Frage treibt die Architektinnen Sofia Ceylan, Dr.-Ing. Katharina Neubauer und Annabelle von Reutern um. Als TOMAS verbinden sie Fragen der Nachhaltigkeit mit feministischen Denkansätzen. Ihren Kerngedanken fasst von Reutern so zusammen: „Abriss is over!“ Noch immer verwechsle die Branche „neu“ mit „überlegen“. Sie konzentrieren sich dagegen auf den Bestand: Leerstand, renovierungsbedürftige Gebäude, neue Nutzungsmodelle … „Das hat auch was mit Demut zu tun und mit Respekt gegenüber den Menschen, die Häuser mal gebaut haben. Den vielen Beteiligten, die es braucht, um Räume zu erschaffen. Den Ressourcen, die dafür notwendig waren.“ In der Arbeit mit dem, was da ist, gebe es so viel zu entdecken und kreativ zu transformieren. Besonders leer stehende Bahnhöfe und Shoppingcenter reizen die Architektinnen. In Brandenburg gestaltet TOMAS einen ehemaligen Bahnhof zum Begegnungsraum um – und damit wird viel mehr reaktiviert als nur das Gebäude.

Allerdings habe Bestandspflege ein Image-Problem: „Es handelt sich dabei im eigentlichen Sinne um Sorgearbeit. Und die ist in unserer Gesellschaft weiblich konnotiert. Sorgearbeit wird in unserer Gesellschaft schlecht bezahlt und erfährt nicht die angemessene Wertschätzung, weil sie in der Regel von Frauen geleistet wird, die wiederum in unserem System abgewertet werden.“

„Abriss is over!“ (Annabelle von Reutern, Architektin)

Patriarchal sei auch der Genie-Begriff, mit dem noch immer gearbeitet werde, findet von Reutern. „Diese Hybris: Ich habe das Recht zu zerstören, weil meine Idee besser ist als alles, was im Bestand existiert.“ Fest steht, dass die Architekturszene immer noch männlich geprägt ist. Auch wenn die Frauen an den Universitäten die Mehrheit bilden: Der Großteil der Büros ist nach wie vor in Männerhand. TOMAS ist deshalb nicht nur ein Akronym – das für „Transformation of Material and Space“ steht –, der Name des Architekturbüros verweist zugleich auf den Thomas Kreislauf, also die Tatsache, dass Männer vor allem Männer engagieren und befördern. In ihren lichtdurchfluteten Räumen in der Berliner Mollstraße leisten die drei Frauen aktiv Aufklärungsarbeit. Sie laden feministische Initiativen ein oder stellen das Büro für Events zur Verfügung. Ein Ort, an dem neue Visionen entstehen.

 

WoeLabs


Sénamé Koffi Agbodjinou ist Architekt, Anthropologe, unabhängiger Forscher. Digitalen Kollektivismus nennt er seine Vision smarter afrikanischer Städte, die er in seiner Heimatstadt Lomé, Togo, auch in der Praxis erkundet.

sename.lafricaine.org

Digitale Tools machen das Leben in Städten einfacher. Egal ob es um Nahverkehr, Abfallentsorgung oder politische Teilhabe geht. Doch hinter der Technologie, die tief in unseren Alltag eingreift, stehen in der Regel große US-Konzerne: Google, Meta und Co. Der togolesische Architekt und Anthropologe Sénamé Koffi Agbodjinou ist überzeugt: Das geht auch anders. Ausgerechnet in den vermeintlich „primitiven Dörfern“ Afrikas sieht er ein zukunftsfähiges Modell dafür. Er sagt: „Solche Gesellschaften funktionieren über informelle, netzförmige Strukturen, statt von oben herab organisiert zu werden wie westliche Städte und Staaten.“ Deren Top-down-Organisation habe sich in die komplette Stadtplanung und -organisation eingeschrieben – und mit ihr kapitalistische Verwertungslogiken. „Heute aber haben wir die Technologien, um organische Gesellschaftsformen auch im großen Maßstab zu leben“, so Agbodjinou – also Dorfstrukturen in Millionenstädten. Der Vorteil: „Würden wir uns dafür entscheiden, neue Technologien zu nutzen, um eine Netzwerkinfrastruktur zu schaffen – mit den traditionellen Gesellschaften als Vorbild –, wären diese sozialer und dienlicher für Stadt und Gesellschaft.“ 

In seiner Heimatstadt Lomé erprobt Agbodjinou seit 2012 in der Praxis, wie smarte Städte aussehen könnten, die sich nicht am westlichen Vorbild orientieren. Zentral ist hierbei ein engmaschiges Netz so genannter WoeLabs, die jeweils im Abstand von ein bis zwei Kilometern eingerichtet werden: Dort schaffen die Anwohner – mit alten Handys oder Elektrogeräten und Open-Source-Technologie – genau die digitale Infrastruktur, die sie vor Ort brauchen. Etwa Solarenergie oder die Organisation der Abfallentsorgung.

„Die Community bildet sich gegenseitig weiter, statt das Problemlösen an globale Konzerne zu delegieren“ (Sénamé Koffi Agbodjinou, Architekt)

Ein digitales Punktesystem hilft, Arbeit am Kollektiv – in den Labs oder dem lokalen Gemüsegarten – sichtbar zu machen und auszutauschen. Der Kerngedanke: Die Community bildet sich gegenseitig weiter, statt das Problemlösen an globale Konzerne zu delegieren. „Bei der Stadtplanung gibt es kein One-size-fits-all“, sagt Agbodjinou. Angesichts immer rücksichtsloser handelnder Tech-Riesen hofft er dennoch, dass seine Vision Schule macht. Gerade weil jede Community sie ultralokal für sich neu erfinden müsse …

 

 

MyGlu


Das Pilz-Iglu MyGlu war der Auftakt für intensivere Forschung um Myzel als Baustoff an der Frankfurt University of Applied Sciences unter Professor Dr. Florian Mähl.

frankfurt-university.de

Seit Jahrtausenden bauen Menschen mit natürlichen Rohstoffen: Lehm, Holz, Reet … Aber Pilze? Die hatte bislang kaum jemand auf dem Schirm. Dabei gibt es offenbar gute Argumente für Myzel, das unterirdische Fadengeflecht von Pilzen, als innovativen Baustoff: Myzel ist wasserabweisend, dämmend und vielseitig einsetzbar. Zudem sind Pilzfasern, anders als herkömmliche Baustoffe, günstig und klimaneutral.

„Genau das macht den Baustoff so vielseitig: Er wächst in jede beliebige Form hinein“ (Professor Dr. Florian Mähl, Wissenschaftler)

Unter der Leitung von Prof. Dr. Florian Mähl und der Forschungsgruppe ReSULT (Research Lab for Sustainable Lightweight Building Technologies) haben Studierende des Fachbereichs Architektur der Frankfurt University of Applied Sciences den nachwachsenden Rohstoff einem kreativen Praxistest unterzogen. Ihr Forschungsobjekt: ein Iglu aus Myzel – oder ein MyGlu, wie das Team es nennt. Während man bei Iglus wohl eher an den Einsatz im ewigen Eis denkt, eignet sich das Pilzhaus der Forschergruppe vor allem für den Einsatz in warmen, trockenen Regionen. Hier könne die schnelle und unkomplizierte Bauweise eine Lösung für temporäre Siedlungen sein, so Dozent Mähl.

Der Rohstoff ermöglicht dabei eine ganzheitliche Bauweise als Komplettlösung: So funktionieren beim MyGlu auch die Fenster- und Türelemente sowie die Verbindungen auf Myzelbasis. Genau das macht den Baustoff so vielseitig: Er wächst in jede beliebige Form hinein. Eine kreative Spielwiese für visionäre Architektur. „Wir wollen das Thema Bauen mit Myzel als Strategie nachhaltigen Bauens an unserer Hochschule etablieren und die angewandte Forschung in diesem Bereich ausbauen“, so Mähl. Um Rohstoffknappheit muss er sich dabei keine Sorgen machen. Das Myzel braucht zum Wachsen lediglich Holzabfälle, etwas Wärme und Feuchtigkeit …

 

Korte Hoffmann


Das Planungsbüro ist Pionier im Bereich 3D-Druck in der Architektur. In Beckum im Münsterland realisierten Alexander Hoffmann und Waldemar Korte 2020 Deutschlands erstes Wohnhaus aus dem Drucker.

korte-hoffmann.de

Am Anfang standen YouTube Videos, die der Bauherr gesehen hatte: 3D-gedruckte Gebäude in Asien. Ob das auch in Deutschland geht? Die Anfrage kam genau im richtigen Moment, erinnert sich Alexander Hoffmann: „Es gab bereits den Drucker von einer Firma aus Dänemark, es gab das fertige Material, ein spezielles Zementmörtelgemisch. Das Einzige, was gefehlt hat, war der eine verrückte Architekt, der sich traut, auf der grünen Wiese was auszuprobieren.“ Waldemar Korte ließ sich auf das Wagnis ein. Auch weil er mit Alexander Hoffmann den perfekten Sparringspartner hatte. Dabei war der beim Kickoff zum ersten 3D-gedruckten Einfamilienhaus im nordrhein-westfälischen Beckum noch nicht sein Geschäftspartner, sondern einfach ein ehrgeiziger Werkstudent: „Ich habe teilweise 80, 90 Stunden die Woche im Büro oder auf der Baustelle verbracht.“

„Wenn ich vorher eine Kolonne mit fünf, sechs Leuten brauchte, brauche ich jetzt maximal noch zwei“ (Alexander Hoffmann, Architekt)

Er sei die Extrameile gegangen, sagt Hoffmann. Sie brauchten nämlich nicht nur Pioniergeist, sondern auch eine Menge Überzeugungskraft, um Behörden und Gewerke zu überzeugen. „Wenn man Innovation oder etwas Neues in Deutschland macht, braucht man einen ganz langen Atem“, sagt er. Oft genug hätten sie einander in die Augen geschaut und sich gefragt, ob sie trotzdem weitermachen. Klares Ja. Schließlich spreche einfach zu viel für Architektur aus dem Drucker: Der 3D-Druck sei eine Antwort auf den Fachkräftemangel im Bau: „Wenn ich vorher eine Kolonne mit fünf, sechs Leuten hatte, brauche ich jetzt maximal noch zwei.“

„Gebt uns mal ein bisschen Zeit. Das ist Forschung, was wir hier machen“ (Alexander Hoffmann, Architekt)

Zugleich verkürze sich die Bauzeit – und wenn die Standardisierung im 3D-Druck weiter vorangetrieben werde, sänken auch die Kosten. Gerade der soziale Wohnungsbau könne von diesem Turbo profitieren. Herausforderungen gibt es nach neun realisierten Gebäuden aber auch noch, etwa die Umweltbilanz. Hoffmann mahnt: „Gebt uns mal ein bisschen Zeit. Das ist Forschung, was wir hier machen. Und wir stehen noch am Anfang.“

 

Muuto


Als dänischer Möbelhersteller ist Muuto klar in der skandinavischen Tradition verwurzelt, die das junge Designteam durch neue Perspektiven bereichert.

muuto.com

Gute Einrichtung gibt uns ein gutes Gefühl. Wahr, aber auch ein bisschen vage, oder? Die dänische Design Brand Muuto will es jedenfalls genauer wissen und sucht deshalb bereits seit 2019 den Dialog mit der Neuroästhetik. Dieser noch relativ junge Forschungszweig beschäftigt sich mit der Wirkung von Umwelt und Objekten auf unser Nervensystem. Und kommt zu eindrucksvollen Ergebnissen: Die Beschäftigung mit Kunst, Musik oder einem wunderschön gestalteten Raum kann den Blutfluss zum Gehirn demnach um bis zu 10 Prozent steigern. Das entspricht dem Anblick eines geliebten Menschen. Die Neuroästhetik ermittelt auch, wie bestimmte Farben, Formen und Texturen zu Entspannung oder Aktivierung beitragen. Spannend. Aber wie beeinflusst solches Wissen die Entwicklung neuer Möbel und Wohnaccessoires? Muuto holte zunächst eine wissenschaftliche Stimme ins Haus. Forscherin Susan Magsamen, die unter anderem am Brain Science Institute der Johns Hopkins School of Medicine lehrt, unterstützt das Designteam als feste Beraterin. Sie half, ein Framework zu entwickeln, das den Designprozess auf das Fundament wissenschaftlicher Erkenntnisse stellt. Bei der Auswahl von Form und Farbe werden jetzt bewusst die Auswirkungen, die diese auf die Psyche haben, miteinbezogen. Allein die Farbgebung beeinflusst unseren ersten Eindruck von einem Objekt zu bis zu 90 Prozent. Aber auch Geräusche und Oberflächenstruktur werden auf der Basis wissenschaftlicher Daten analysiert und gegebenenfalls angepasst. 

„Allein die Farbgebung beeinflusst unseren ersten Eindruck von einem Objekt zu bis zu 90 Prozent“ (Susan Magsamen, Neuroästhetik-Expertin)

Ein Beispiel ist die Calm Wandleuchte, die sanftes, diffuses Licht spendet und die Stimmung des natürlichen Sonnenuntergangs nachahmt. Ihr stoffbespanntes Design verbessert zudem die Akustik und schafft eine ruhige Atmosphäre. In Showrooms oder für Katalogbilder achtet Muuto stets darauf, dass fünf neuroästhetisch bestätigte Kernprinzipien gegeben sind: Natur im Raum, etwa in Form von Pflanzen oder Schnittblumen, intentional gesetztes Licht, Möbel und Objekte mit weichen, runden Formen, harmonische Farbkombinationen und taktil reizvolle Oberflächen. Ist all das gegeben, fühlen wir uns instinktiv aufgehoben. Durch die direkte Verbindung zur Neuroästhetik kann Muuto neue Erkenntnisse unmittelbar in die Kollektionen integrieren. Damit wir uns zuhause noch wohler fühlen. Oder, wie Susan Magsamen sagt: „Wenn du intensive ästhetische Erlebnisse hast, verändern sie dich. Sie verändern deine Biologie. Sie verändern deine Stimmung. Sie verändern deine Gefühle.“