Leben
Wohnen in der Moderne

Weniger ist mehr

 
Als der Makler die Tür öffnet, hat sich Paul Lappia bereits entschieden: In diesem Haus des Architekten Herman Hertzberger will er wohnen. Heute lebt der Jurist auf 170 Quadratmetern lichtdurchfluteter Wohnfläche, mit wenigen ausgewählten Bauhaus-Möbeln. Denn er und seine Frau wissen: Ein solches Haus darf sich nicht hinter der Einrichtung verstecken.
Autoren: Kerstin Schweighöfer / Dominik Betz

Paul Lappia ist Jurist mit einer Leidenschaft für Architektur. Als er hört, dass ein Haus des Amsterdamer Baumeisters und Strukturalisten Herman Hertzberger zum Verkauf steht, vereinbart er einen Besichtigungstermin. Nur mal eben schauen, aus reiner Neugier. Als der 58-Jährige sich jedoch vor Ort umsieht, ist er von der Offenheit und Transparenz des Gebäudes fasziniert. Was für ein spektakulärer, lichtdurchfluteter Wohnraum! Wobei das Licht nicht nur wie ein Wasserfall durch die verglaste Gartenfassade hereinfließt, sondern auch von oben durch ein großes Fenster im Flachdach. „Meine Frau Josephine hat nur die Augen verdreht“, erinnert sich Lappia schmunzelnd. „Die wusste sofort, was die Uhr geschlagen hat!“

Nichts versperrt den Blick: Ein paar Monate später, im Januar 2011, können sich die Lappias stolze Besitzer eines sogenannten Diagoon-Hauses nennen, von denen Hertzberger zwischen 1967 und 1971 acht Prototypen in Delft realisiert hate. Diagoon wie diagonal: Denn egal wo man in diesem Haus steht – nichts versperrt den Blick. Überall laufen lange Sichtachsen vom einen Ende des Hauses zum anderen: von der Arbeitsecke an der Straßenseite hoch in den Schlafbereich. Oder an der Küche vorbei hinunter bis in den Garten. Offenes und transparentes Wohnen auf insgesamt 170 Quadratmetern. Ganz ohne Türen und Zwischenwände: Architekt Hertzberger hat die Wohnbereiche um den zentralen Lichtschacht herumgelegt – und zwar als halbe Etagen, die eine nur ein paar Meter höher als die andere, durch wenige Treppenstufen getrennt.

 

Ein Haus als Skelett: Die Diagoon-Häuser sind seine Antwort auf die seelenlosen Betonburgen und einförmigen Reihenhaussiedlungen, mit denen auch die Niederländer nach dem Zweiten Weltkrieg die große Wohnungsnot zu lindern versuchten. Von einem fertigen Haus kann dabei im Grunde genommen keine Rede sein, Hertzberger hat nur das Bauskelett mit den tragenden Mauern geliefert, unverputzt aus Beton. Einteilung und Gestaltung, so fand er, seien Sache der zukünftigen Bewohner: Die sollten sich einbringen und dem Haus ihren individuellen Stempel aufdrücken. So wie es auch auf dem Werbeplakat von 1970 steht, das Paul Lappia neben seinem Schreibtisch aufgehängt hat: „Een ander huis – een huis dat ieder anders maakt“, zu Deutsch etwa: „Ein anderes Haus – eines, das sich jeder anders macht“. Die Lappias haben alles belassen, wie es war. Auch die Betonwände. Und sämtliche Eingriffe der vorigen Bewohner rückgängig gemacht. In diesem Fall Zwischenwände und Schiebetüren entfernt, denn vor ihnen hat eine Familie mit kleinen Kindern das Haus bewohnt. Nichts sollte die ursprüngliche Raumwirkung und den Lichteinfall beeinträchtigen. „Deshalb üben wir uns auch bei der Einrichtung in Zurückhaltung“, betont Josephine Lappia. „Less is more“ lautet ihre Devise. Damit die Architektur weiterhin zu ihrem Recht kommt und nicht hinter der Einrichtung verschwindet.

 

Lichtschacht ins Zentrum: Da ist ein Schlafzimmerschrank aus Abfallhölzern, ein frühes Werk des Niederländers Piet Hein Eek. Oder ein Esstisch aus leichtem Flugzeug-Aluminium seines Landsmanns Ben Hoek. „Den haben wir direkt unter den zentralen Lichtschacht gestellt, ins Herz des Hauses.“ Im Wohnbereich prangt rot und frech das Diana-Sidetable mit Zeitschriftenablage des deutsch-serbischen Designers Konstantin Grcic. Und gleich daneben, prominent mit Blick in den Garten, lädt ein Eames-Sessel zum Verweilen ein. Die große Vorliebe der Lappias gilt Entwürfen aus der Bauhaus-Ära – allen voran denen der niederländischen De-Stijl-Bewegung, die bereits 1917 entstanden war und das Bauhaus nachhaltig beeinflusst hatte. Zu De Stijl gehörten Architekten wie Theo van Doesburg und Jacobus Oud, der Maler Piet Mondrian und der Utrechter Möbelschreiner Gerrit Rietveld.

Wie im Showroom: „Der stand schon in unserer vorigen Wohnung in Rotterdam“, erzählt Paul Lappia. Da lebten sie noch ganz oben im 23. Stock in einem ultramodernen Apartment mit riesigem Wohnzimmer. „Aber irgendwie kamen wir uns da immer verloren vor, wie in einem Möbel-Showroom.“ Ganz anders das Diagoon-Haus mit seinen vielen verschiedenen Bereichen auf mehreren Ebenen. „Hier können wir uns je nach Stimmung in eine andere Ecke verziehen.“ Hier fühlen sie sich heimelig und geborgen. Und deshalb können die wenigen Möbelstücke noch so erlesen sein – „sie werden benutzt“, betont Paul Lappia. Das gilt auch für das weinrote und etwas strapazierte Rietveld-Original von 1935. Denn, so stellt Hausherr Lappia mit einer weit ausholenden Handbewegung klar: „Das hier ist kein Museum. Hier wird gelebt!“