Trendscout
VIELER HÄNDE ARBEIT

DIE RENAISSANCE DER MANUFAKTUREN

Mit dem Gasbrenner flämmt der Wiener Designer Stefan Knopp die massiven Holztische für Janua
Wer heute ein Möbelstück erwirbt, setzt auf Charakter, auf kunstfertig hergestellte Qualitätsarbeit. Gesucht ist Werthaltiges, das zum Vererben taugt, Möbel, die sich abheben von industriell produzierter Massenware. Man soll spüren, dass wahre Könner ihres Fachs daran mit Leidenschaft gearbeitet haben
Text: Lilli Holm

Das heute so populäre Design der 50er- und 60er­Jahre war stark handwerklich geprägt. Gestalter wie Arne Jacobsen, Hans J. Wegner, Børge Mogensen, Kaare Klint oder Alvar Aalto kommen aus der Tradition des Handwerks. Erst nach ihrer Zeit begann der Boom der Möbelindustrie und der No-Name-Massenware. Heute scheint der Weg wieder zurückzuführen. Die meisten Premiumhersteller wie Walter Knoll, Fritz Hansen, Thonet, Carl Hansen, Vitra, e15, Moormann oder Riva 1920 seten verstärkt auf den Manufakturcharakter.

 

Perfektionistische Handarbeit

Die zahlungskräftige Kundschaft verlangt immer öfter nach Werthaltigem mit Charakter. So, wie es Riva 1920 mit den kompromisslosen Naturholzmöbeln oder die ebenfalls auf Massivholz setzende Konkurrenz von Janua bieten. Nicht weniger kunstvoll hergestellt sind die Möbel von Zeitraum oder more aus Hamburg. In Dänemark mag Carl Hansen nicht von perfektionistischer Handarbeit lassen.

Die großen Hersteller haben jahrelang auf industrielle Massenherstellung und hohen Output gesetzt, jetzt sind Trend setzende Vorreiter. Her mit der neuen Individualität. Aber Handwerk ist teuer, und selbst in Italien sterben die „Artigiani“ allmählich aus.

Im nordhessischen Frankenberg feiert seit fast 200 Jahren eine geniale handwerkliche Innovation anhaltende Erfolge – die Bugholzmöbel von Thonet. Es fing mit der Anmeldung eines Patents zum Biegen von Bugholz in Frankreich an. Daraus entstand ein neuer Typ von Möbeln. Eine Landmarke in der Möbelindustrie.

Thonets Konsumstuhl Nr. 14 besteht aus nur sechs Teilen und würde Ikea in seiner Einfachheit alle Ehre machen. Im August 1862 erschien eine Anzeige mit der Ankündigung von „Möbeln aus gebogenem Holze“.Bis heute wird bei Thonet das mit Dampf erwärmte Holz von Hand gebogen. Die Bauhausarchitekten Mies van der Rohe und Marcel Breuer trugen später mit gebogenen Stahlrohrmöbeln zum Ruhm von Thonet bei.

Während in Deutschland das Wort Kunsthandwerk eher nach Kunstgewerbe klingt, wird es in Großbritannien großgeschrieben. So hat sich in London eine äußerst bemerkenswerte kreative Szene entwickelt. Tom Dixon, einer der bekanntesten Protagonisten, mischt handwerkliche Tradition mit der Formensprache des 21. Jahrhunderts. Der junger Kollege Lee Broom verkauft seine Kollektion mittlerweile in mehr als 40 Ländern. Tom Dixon, Lee Broom oder auch Sebastian Wrong nutzen intensiv das Handwerk und handwerkliche Techniken für ihre Entwürfe und verbinden klassische Verarbeitungsmethoden mit aktuellen Formen.

Auch klassische italienische Marken wie Cassina oder Poltrona Frau setzen auf diese Rückbesinnung. In der Cassina-Sonderedition SimonCollezione etwa verschmelzen die Hightech-Versionen mit Handarbeit.

 

Die Fertigkeiten der Meister

Man kann erfreut konstatieren, dass das Handwerk wieder an goldenem Boden gewinnt. Das gilt auch im Schlafzimmer.

Weil die Menschen immer mehr Wert auf eine erholsame Nachtruhe legen, wird das Boxspringbett zum neuen Luxus. Spezialisten wie das Familienunternehmen Schramm („handmade in Germany“) fertigen mit höchster handwerklicher Präzision opulente Premiumbetten. Die versprechen vor allem eines: Schlafen als sinnliches Genussmittel.

„Wir kehren zurück zu den Wurzeln“

Jochen MüllerMüller Möbelwerkstätten

Neben den Experten von Hästens, Vispring oder Treca sind auch große Hersteller wie B&B Italia, Walter Knoll oder Poliform auf den Trend zum Luxusbett aufgesprungen. Bei den Müller Möbelwerkstätten kehrt man zu den eigenen Ursprüngen zurück und bietet die berühmte Rolf-Heide-Stapelliege zum 50. Jubiläum in Eichenholz an – exklusiv für die Häuser der creativen inneneinrichter.

„Bereits mein Ururgroßvater hat Möbel aus Eiche massiv hergestellt. Nun kehren wir zurück zu den Wurzeln und werden unseren Klassiker aus diesem Holz fertigen“, erklärt Jochen Müller, Inhaber in der fünften Generation. „Außerdem bildet unsere Firma seit vielen Jahren Tischler aus. Damit sichern wir dem Handwerk eine Zukunft; interessant und vielversprechend ist, dass wir immer mehr Bewerbungen von jungen Frauen erhalten.“

„Die Jungen suchen die Rückbesinnung auf die sich so gut anfühlenden Dinge aus der Hand eines Meisters“

Marianne GoeblArtek

Marianne Goebl, CEO bei Artek in Helsinki, freut sich über die Wertschätzung, die Handwerkstechniken erfahren. „Die junge Generation sorgt sich um ihre direkte Umgebung, darum, mit erfahrenen Handwerkern zusammenzuarbeiten, die ihre Kundenbasis verloren haben, weil niemand mehr ihre Technik wertschätzte. Sie versuchen damit, traditionelle Fertigkeiten und Materialien ins Heute zu bringen.“

Ähnlich emotional sieht Marco Wenger, Geschäftsführer von Horgenglarus im Schweizer Kanton Glarus, seine Aufgabe, den Möbeln, die seit 100 Jahren im Sortiment bestehen, ihre Herkunft und damit ihre „Seele“ zu erhalten. Die 100 Jahre alten Maschinen der Firma arbeiten langsamer als ihre modernen Nachfahren, garantieren aber die zeitlos bewährte Formensprache und symbolisieren zugleich das traditionelle Handwerk.

 

Die Kunden können kommen

Mit der Rückbesinnung auf die Manufakturproduktion verändert sich auch das Verhältnis der Kunden zu ihrer Einrichtung. Miriam Kleyer vom südschwedischen Möbelhersteller Gärsnäs ist überzeugt: „Unsere Möbel werden seit Generationen von Hand gefertigt, und immer mehr Kunden wollen genau wissen, woher die benutzten Materialien kommen und wie sorgfältig sie verarbeitet werden. Wie schön, dass der Trend immer mehr in diese Richtung geht!“

„Die Kunden wollen genau wissen, woher die Materialien kommen und wie sorgfältig sie verarbeitet werden“

Miriam KleyerGärsnäs